Stillgeschichte Nadja: Stillen findet in der Öffentlichkeit nicht statt

Stillgeschichte Nadja
Stillen findet in der Öffentlichkeit nicht statt

Diese Geschichte beginnt und endet vielleicht etwas anders, als man es so klassischerweise erwartet. Ich danke von Herzen für diese offenen, ehrlichen und ermutigenden Worte. Aber lest selbst: 

Ich wollte nie Kinder haben, erst recht wollte ich niemals etwas durch meine Vagina pressen, das annähernd 3 Kilo wiegen würde. Und erst recht wollte ich niemals stillen und vor allem nicht mehr als 4 Monate wenn überhaupt.

Hallo, mein Name ist Nadja und ich stille meinen ersten Sohn jetzt seit fast 3 Jahren.

Leute, die mich schon lange kennen, schmunzeln bis heute über meine Stillgeschichte. Und ich bin bestimmt nicht die einzige Frau auf diesem Planeten, die so oder so ähnlich dachte, deswegen möchte ich meine Stillgeschichte mit euch teilen.

Körpergefühl.

Ich würde sagen, erst durch meine Schwangerschaft habe ich überhaupt einen gesunden und positiven Zugang zu meinem eigenen Körper gefunden.

Auch wenn wir vielleicht der Meinung sind, dass unser Körper uns gehört, wird uns schon in der frühen Kindheit, in der wir im Patriarchat aufwachsen, deutlich vermittelt, dass unser Körper scheinbar Teil der Gesellschaft ist. Jeder hat dazu eine Meinung. Ich bin in den 90er Jahren mit der Bravo aufgewachsen. Ich hatte nie ein gutes Vorbild in Thema Schwangerschaft oder Stillzeit. Ich kannte vor meiner eigenen Stillzeit keine andere Frau, die ihr Kind so lange stillte wie ich meinen Sohn jetzt.

➡️ Oft wird für das Stillen nach dem 6. Monat schon das Wort „Langzeitstillen“ verwendet. Dabei gibt es das gar nicht. Es gibt nur ein „Normalzeitstillen“. Das natürlich Abstillalter liegt weltweit zwischen 2,5 und 7 Jahren. Die WHO empfiehlt 6 Monate voll zu stillen, die Beikost unter dem Schutz des Stillens einzuführen und bis zum 2. Geburtstag oder darüber hinaus zu stillen. Warum? Weil Stillen bzw. Muttermilch viele Vorteile hat. Für beide Seiten. In Deutschland geben 82% an, dass sie ihr Kind stillen wollen. Aber nur 34% stillen noch, wenn das Baby 4 Monate alt ist. Schmerzen sind die häufigste Ursache für frühzeitiges Abstillen. ⬅️

Stillen findet nicht statt in der Öffentlichkeit.

Stillen findet nicht statt in der Öffentlichkeit, in unserer Wahrnehmung. Barbiepuppen werden im Set mit Fläschchen verkauft und mit Schnuller. Habt ihr jemals eine Barbie gesehen, die stillt und ihr Baby im Tragetuch hat?! Nein. Weil es das nicht gibt.

Und wir müssen das ändern. Die Wahrnehmung in der Gesellschaft. Wir müssen sichtbar sein, für Mädchen und für junge Frauen. Wir müssen einander unterstützen, denn das System arbeitet gegen uns.

Und deswegen freue ich mich besonders, Ramona unterstützen zu können, die so wunderbare Aufklärungsarbeit leistet, und die ich gerne schon länger kennen würde.

➡️ Vielen Dank! Es ist mir wirklich ein echtes Anliegen für Information und Aufklärung zu sorgen! Ein Buchtipp an dieser Stelle: Warum Stillen Politisch ist. Von Gabrielle Palmer. Die Illustratorinnen Martina Bürger und Elisa Elß haben auch eine Mission: Sie wollen das Bild von Geburt in den Medien verändern. Denn seien wir mal ehrlich? In Filmen und Serien platzt die Fruchtblase immer im ungünstigsten Moment, die Wehen setzen sofort unaufhaltbar ein, das Kind kommt im Taxi, im Aufzug oder die Mutter liegt auf jeden Fall auf dem Rücken liegend im Krankenhaus. Danach schreit das Baby kurz auf und danach spielt es für die folgende Handlung kaum mehr eine Rolle. Auch gestillt wird selten. Wer das Projekt der beiden unterstützen oder sich weiter informieren möchte, schaut sich hier gerne um. Die Hebamme Jana Friedrich hat zum Thema bestärkende Geburt einen superguten Ted Talk zu birth esteem gehalten, den ich allen nur ans Herz legen kann. ⬅️

Persönliche & individuelle Vorbereitung.

Meine Stillgeschichte handelt von einer tiefen Vertrautheit zu meinem eigenen Körper, meinen Fähigkeiten und gutem Fachpersonal.

Ich habe mich in meiner Schwangerschaft sehr viel mit mir selbst, meinem Körper und der Geburt als solches beschäftigt. Meine Meinung, meine Einstellung, alles änderte sich zu dieser Zeit. Ich fühlte mich so sehr mit Mutter Erde verbunden wie noch nie in meinem Leben, und ich meine das nicht esoterisch. Wissen ist bekanntlich Macht, und ich wollte einfach alles wissen: Warum entbinden wir heutzutage so viel in Kliniken, welche Hormone stehen uns zur Verfügung, welches Wissen gibt es über natürliche Geburt, was bedeutet PDA, was ist eine Einleitung? All das half mir sehr, einen klaren Überblick zu bekommen und herauszufinden, was ICH möchte. 

Ich hörte eines Tages einen Podcast über die natürliche Geburt, und dort ist dann ein Satz gefallen, der mich davon abhielt, mich vor der Geburt jemals mit dem Thema stillen zu beschäftigen. Die Dozentin in dem Podcast sagte sinngemäß: Dein Körper gibt alles, um 9 Monate lang diesen Menschen in dir zu bauen, jegliche Ressourcen werden alleine dafür aufgewandt, und dann kommt dieses Baby zur Welt und dein Körper ist nicht in der Lage es zu ernähren? Sehr unwahrscheinlich, oder? 

Und das machte für mich so viel Sinn: Wir wären ja damals in der Höhle alle ausgestorben, wenn das nicht gefluppt hätte. Unser Körper gibt sich doch nicht so eine Mühe, um das Kind dann verhungern zu lassen. Das war alles, was ich damals über das Stillen wissen musste. Ich hatte ein tiefes Vertrauen in meinen Körper, dieses Baby ernähren zu können mit meiner Muttermilch.

Und wenn es nicht klappt?

Und ich dachte mir: Okay, was ist das Schlimmste, was passiert, wenn es nicht klappt? Negative Visualisierung, also sich das schlimmste Szenario vorzustellen, was eintreffen kann, ist eine gute Methode um sich auf den Boden der Tatsachen zu holen und vorbereitet zu sein . Das schlimmste was passieren könnte, wäre das ich nicht stillen könnte oder wollte aus welchen Gründen auch immer, mein Baby würde die Flasche bekommen und trotzdem nicht verhungern. Okay, damit konnte ich gut leben.

➡️ Prinzipiell stimme ich da voll zu: Es ist alles da. Das Kind kommt kompetent auf die Welt. Wir sind gut versorgt, Hilfe ist da, Plan B-E auch. Aber. Aus 10 Jahren Erfahrung in der Stillberatung kann ich sagen, dass viele anfängliche Probleme vermieden werden könnten, wenn vorher genug Wissen da wäre. Wenn ich z.B. weiß, dass ein Babymagen bei Geburt nur so groß wie eine Kirsche ist und nur 5-7 ml fasst, muss ich mich nicht stressen, wenn die Milch nicht literweise fließt. Solche Basics vermittle ich in meinem Stillvorbereitungskurs OBENRUM FREI. ⬅️

Auch wenn ich eine Geburtshausgeburt plante, kam es anders, weil ich seit 3 Tagen und Nächten Wehen hatte und einfach echt irgendwann total platt war wollte ich in die Klinik. Ich bekam meinen Sohn dort auf natürlichem Wege, später, als ich bereits angezogen war und mich wie eine verdammte Superheldin fühlte, die einfach gerade ein Kind geboren hatte, kam eine Hebamme zu mir und fragte mich, ob ich schon angelegt hätte. Ich war irgendwie perplex….wie angelegt? Kriegt man da nicht irgendwie ne Schulung? Es gibt doch zig Bücher darüber, tausend Techniken, ich dachte da kommt jetzt irgendwie jemand und erklärt mir, wie bei einem neuen Auto, welche Features ich habe und wie die Bedienungsanleitung aussieht. Aber diese Hebamme sagte nur: Sie müssen ihr Baby jetzt mal anlegen, es hat Hunger und braucht diese Nähe.

Das erste Stillen.

Ich habe meinen Oberkörper frei gemacht, die Hebamme legte dieses kleine Baby in meinen Arm, was sofort den Mund aufsperrte wie ein Vogel, der einen Wurm haben wollte, da gab es nichts, was ich hätte wissen müssen. Das war alles. Es hat einfach funktioniert. 

Und in dem Moment war ich so dankbar für alle Ratgeber, die ich nicht gelesen habe. Für alle Klugscheisser Tipps, die ich mir nicht zu Herzen genommen hatte. Ich habe einfach mein Baby gestillt.

Etwas, was mir sehr wichtig ist, zu erzählen ist folgendes: Ich hatte vier Tage nach der Geburt meinen Milcheinschuss. Vorher hatte ich das Gefühl, da “passiert” überhaupt nichts. 

Eine Hebamme die ich nicht kannte kam zu mir ins Wochenbett und ich erzählte ihr das sich nichts tut seit 3 Tagen mit meinen Brüsten, ich stille das Kind, aber ich war unsicher ob ich “genug Milch habe” (das hört man ja öfter LEIDER). Sie tastete meine Brust ab und sagte mir das sei völlig normal, die fettige Vormilch braucht keinen Milcheinschuss, mein Baby gedeiht und alles läuft so wie es sein soll. Und viele Frauen denen ich das im Nachhinein erzählte, waren völlig entrüstet und gekränkt, denn in manchen Krankenhäusern wurde ein riesen Stress gemacht, ihnen wurden Geschichten erzählt die nicht stimmten, das etwas nicht in Ordnung sei. Sie sagten sowas wie “Hätte ich vorher gewusst das es so lange dauern kann bis der Milcheinschuss kommt, und dass das Baby trotzdem genug bekommt, dann wäre diesjenes bestimmt nicht passiert”. Und das finde ich absolut tragisch und traurig, das man diese Frauen MIT DENEN ALLES IN ORDNUNG war, so verunsichert hatte, und ihnen erzählte sie könnten ihr Baby nicht versorgen.

“Hey, alles in Ordnung, das ist normal.”

Diese Hebamme die einfach sagte “Hey, alles in Ordnung, das ist normal”, die hat dafür gesorgt das ich meinen Weg weiter gehen konnte und mir vertraut habe.

Ich möchte ausdrücklich nicht sagen, dass Frauen “versagen”, wenn sie nicht stillen können, oder sie nicht stillen wollen. Es gibt so viele Gründe die dazu führen das es nicht richtig klappt, aber ich glaube das viele (nicht alle) dieser Gründe erst dadurch entstehen das man uns Frauen verunsichert, das man uns falsches Wissen vermittelt, das man nicht will dass wir ein gutes, positives Körpergefühl haben. 

Wir müssen uns das zurückholen.

Wenn ich Frauen einen Rat geben müsste, dann diesen: Wissen ist Macht, habt Vertrauen in euch und euren Körper, übt negative Visualisierung und seid auf alles so gut es geht vorbereitet.

➡️ Noch mal – tausend Dank für Deine aufrichtigen, ehrlichen Worte und das Erzählen dieser besonderen Stillgeschichte! ❤️ Wenn DU Deine Geschichte hier auch erzählen möchtest, schreib mir gern eine Email.