Abstillgeschichte: Milchkränzchen am Nachmittag

milchkraenzchen

Es war mir eine besondere Freude diese Familie beim Abstillen zu begleiten. Der Zeitpunkt war selbst gewählt, das Vorgehen behutsam, mit viel Kommunikation und einem wunderschönen „Milch-Ersatz-Ritual“. Aber lest selbst: 

Der Abstill-Prozess.

Wie alt war Dein Kind, als Ihr abgestillt habt?
Als wir nachts abgestillt haben, war J. 1,5 Jahre alt. Ein gutes halbes Jahr später haben wir dann vollends abgestillt.

Wie lange hat der gesamte Abstill-Prozess gedauert?
Wir haben zunächst nur nachts abgestillt. Das ging einigermaßen schnell, etwa eine Woche. Wir hatten aber vorher auch schon immer mal wieder nachts ca. 4 h Stillpausen gemacht, damit ich mal 4 h am Stück schlafen kann.

Als ich dann ein gutes halbes Jahr später ganz abstillen wollte, ersetzten wir erst ca. zwei Wochen lang das nachmittägliche Stillen durch ein Ritual. Dann fuhr ich drei Tage alleine weg und stillte so schließlich ab.

➡️ Das Wegfahren ist oft eine beliebte Methode. Ist die stillende Person nicht da, die Milch nicht verfügbar, fällt es manchen Kindern (und auch den Eltern) leichter nicht danach zu verlangen. In einer Beratung würde ich es nie pauschal empfehlen, denn a) ist es nicht immer die beste Methode für jedes Kind b) es kommt auf das Alter des Kindes an c) nicht jede Familie kann es sich leisten oder hat Anlaufpunkte, damit solch ein Kurztrip möglich ist. Wie immer gilt auch hier: Schau, was für Euch das Richtige ist. Beteilige das Kind, sprich mit ihm und kündige an, was passieren, was sich verändern wird. ⬅️

Beweggründe.

Was waren Deine Beweggründe abzustillen? 
Nachdem ich 1,5 Jahren lang nachts ca. alle 2 h aufgewacht war und J. gestillt hatte, war es für mich höchste Zeit endlich mal wieder länger am Stück schlafen und auch ab und zu in einem anderen Zimmer eine ganze Nacht durchschlafen zu können.

Die Erschöpfung war immer wieder sehr groß. Die Nächte wurden zwar nicht viel ruhiger durch das nächtliche Abstillen, aber wenigsten konnte sich mein Partner dann genauso um J. kümmern wie ich.

Als J. 2 Jahre alt wurde, war ich öfter genervt vom Stillen und hatte auch immer wieder das Gefühl, dass er mir jetzt langsam zum Stillen irgendwie zu groß vorkommt. Außerdem hing J. sehr stark an mir und hat seinen Papa in vielem abgewiesen, solange ich präsent war. Das war für alle Beteiligten ziemlich anstrengend und ich hatte das Gefühl, dass es auch immer anstrengender wird. Auch für diesen Aspekt erhoffte ich mir eine Veränderung durch das Abstillen.

Ein weiterer Punkt war, dass ich mich danach sehnte, auch mal wieder alleine wegfahren zu können. Und ich wollte meinen Körper wieder ganz für mich haben, ohne Einschränkungen bei Medikamenten usw.

Was hat geholfen?

Wie hast Du das Abstillen geschafft?
Vor dem Abstillen nachts hatten wir schon phasenweise Stillpausen von 4 h durchgeführt, in denen ich in einem anderen Zimmer schlief und mein Partner J. beruhigte. Normalerweise schliefen wir alle in einem Bett. Als es dann die ganze Nacht kein Stillen mehr gab, war das Verfahren dasselbe. Ich schlief in einem anderen Zimmer. Wir erzählten J. abends beim Ins-Bett-bringen, was ansteht und dass er am nächsten Morgen dann wieder ganz viel stillen kann. Außerdem machten wir eine Zeit aus (6 Uhr), ab der J. wieder zu mir kommen und stillen durfte. Das erste morgendliche Stillen fand auch nicht mehr im Bett statt, sondern im Wohnzimmer auf dem Sofa. J. akzeptierte das nächtliche Abstillen – abgesehen von einigen Nachfragen – relativ schnell. Bald schlief ich dann auch wieder bei den beiden anderen im Bett.

➡️ Das Entkoppeln von Stillen und Bett kann ein erster Schritt sein, um neue Gewohnheiten einzuführen. Hier wird super schön beschreiben, wie die Eltern alles erklärt und begleitet haben. ⬅️

Tagsüber wollte J. meistens noch etwa dreimal stillen: morgens nach dem Aufstehen, nachmittags, wenn wir uns wiedersahen und abends vor dem Ins-Bett-bringen. Das waren ziemlich feste Rituale, die er sehr selten vergaß und wovon er sich auch nicht ablenken ließ. Nach einer Abstill-Beratungsstunde mit Ramona ersetzten wir das nachmittägliche Stillen durch ein anderes Ritual. Ich erklärte ihm am Tag vorher, dass wir am nächsten Nachmittag nicht mehr stillen werden, sondern zusammen eine Tasse Milch trinken und Rosinen essen und uns ausnahmsweise dazu ans Teetischchen ins Wohnzimmer setzen. Ich schaute mit ihm zusammen außerdem noch Fotos von ihm als ganz kleines Baby an und erzählte ihm, wie das mit dem Stillen ist und dass er das bald nicht mehr brauchen wird. Am nächsten Nachmittag nahm er das Ersatzritual ziemlich gut an: Wir prosteten uns zu und er saß beim Milch trinken auf meinem Schoß. An den Tagen danach wurde es etwas schwieriger, denn er fragte immer wieder nach Stillen. J. war erkältet und auch mein Partner war krank, was die nächsten 1,5 Wochen so anstrengend für mich machte, dass ich immer erschöpfter wurde und J. immer mehr anfing, an mir zu klammern. Ich hatte das Gefühl, ein weiteres Schritt-für-Schritt-Abstillen kräftemäßig nicht durchzustehen. Außerdem brauchte ich dringend ein bisschen Zeit für mich, weshalb wir uns entschieden, dass ich (zwei Wochen nach dem nachmittäglichen Abstillbeginn) über ein Wochenende alleine wegfahre. Auch auf dieses Wochenende bereiteten wir J. gründlich vor; erzählten ihm freudig, was passieren wird und auch, was er alles Tolles mit dem Papa machen darf. Er schien das sehr genau zu verstehen, er weinte ein paar Mal auf und wiederholte sehr ernst das Gesagte. 

 ➡️ Natürlich dürfen die Kinder sich beschweren, wenn es eine Veränderung gibt, die sie so vielleicht nicht selbst gewählt hätten. Das würden wir auch tun. Ich finde es großartig wie das Kind hier über alles informiert und im Prozess mitgenommen wurde. Das ist eine wichtige Komponente im Abstillprozess! ⬅️

Abstillgeschichte: Milchkränzchen

Die letzten beiden Male Stillen waren für mich traurig, aber irgendwie auch erleichternd. Das vorletzte Mal Stillen fotografierte mein Partner als Stillerinnerung für uns. Der Zeitpunkt des Abschieds am Bahnhof war dann vor allem für mich schwer. Für J. war ganz klar, dass er jetzt auf Papas Arm wechseln muss. Die beiden hatten ein ziemlich schönes Wochenende miteinander mit Aktionen wie Seilbahnfahren, Pommes essen, … Mein Partner dachte sich außerdem ein System aus, wie J. besser verstehen konnte, wann ich wiederkomme: Er durfte immer, wenn er mich vermisste oder ihm danach war, auf ein Blatt mit Sonnen für die Tage und Betten für die Nächte auf den entsprechenden Tag ein silbernes Sternchen kleben. Aber so sehr oft vermisste er mich wohl gar nicht… Auch ich hatte ein schönes Wochenende bei meinen Großeltern und einer Freundin, was ich trotz starkem Vermissen sehr genießen konnte. Am zweiten Abend hatte ich eine sehr pralle Brust, die ich zweimal durch Ausstreichen erleichtern musste. Danach war sie noch mehrere Tage lang sehr prall gefüllt, aber nicht schmerzhaft. Nach dem freudigen Wiedersehen fragte J. mindestens zwei Wochen lang immer mal wieder nach „Dillen“ (Stillen) und die ersten beiden Abende weinte er bitterlich als ihm klar war, dass es das nun wirklich nicht mehr gibt. Aber danach war eigentlich immer sehr schnell klar, dass es wenig Sinn ergibt weiter zu fragen und es schien auch nicht mehr so wichtig für ihn zu sein.

 ➡️ Stillen ist ein Team-Sport, so auch das Abstillen. Wir müssen immer auch schauen, wie verhält sich die Brust. Ist sie sehr prall, kann per Hand entleert werden. „Ausstreichen“ ist etwas irreführend, da nicht gestrichen wird, es ist vielmehr eine Art Melkbewegung. Das Augusta Klinikum Bochum sowie das Global health media Project haben tolle Videos als Anleitung dazu. ⬅️

Hilfe & Unterstützung

Wer und/oder was hat Dir dabei besonders geholfen?
Ich denke, es war sehr wichtig, dass mein Partner das Abstillen unterstützte und auch hinter der Entscheidung stand. Die Abstillberatung mit Ramona hat uns außerdem viel Sicherheit und Inspiration gegeben, sowohl für das Ersatzritual als auch für das mamalose Wochenende.

Was würdest Du bei einem nächsten Mal anders machen?
Ich denke, ich möchte beim nächsten Kind mehr darauf bestehen, dass es auch aus der Flasche Muttermilch trinken kann, damit ich etwas früher auch mal länger weg sein kann. Ansonsten bin ich ziemlich zufrieden gewesen mit unserer Stillzeit und auch damit, wie das Abstillen gelaufen ist.

➡️ Den Einsatz der Flasche (oder auch einen Schnuller) empfehle ich frühestens nach 8-10 Wochen nach der Geburt, wenn sich die Stillbeziehung gefestigt hat. Es gibt Kinder, die können schon ziemlich früh gut zwischen Flasche und Brust switchen, andere auch nach Monaten nicht und akzeptieren nur das eine. Es gibt auch keine Garantie, das es zu Zeitpunkt X am besten klappt. Meine Empfehlung, wenn das Stillen im Wochenbett prima klappt bzw. sich gerade einpendelt, sollte nicht zusätzlich gepumpt werden, um Muttermilch „für später“ zu gewinnen. Die ersten drei bis vier Monate braucht die Milchproduktion, um sich einzuspielen. Muss vorher zugefüttert werden, sollten stillfreundliche Methoden gewählt werden. ⬅️

Abstillgeschichte: Milchkränzchen
Milchkränzchen am Nachmittag

Gab es ein Ritual für Dich und/ oder Dein Kind zum Abschied?
Das nachmittägliche Stillritual, wenn wir uns nach Tagesmutter und Arbeiten wiedersahen, ersetzten wir durch ein Milchkränzchen (gemeinsames Kuhmilch trinken und Rosinen essen) auf dem Boden sitzend am Teetischchen, J. auf meinem Schoß…wir prosteten uns häufig zu. Mehr für mich als Abschied machte mein Partner auch Fotos von uns beim vorletzten Mal Stillen.

Was möchtest Du allen Stillenden mit Abstillwunsch gerne sagen?

Ich denke, man sollte das Abstillen wagen, wenn man sich danach fühlt. Und nicht zu viel Angst davor haben, das Kind zu traumatisieren. Auch wenn J. sehr am Stillen hing, war ich am Ende doch ziemlich erstaunt, wie gut er darüber hinwegkam, dass es nun kein Stillen mehr gibt. Ich wollte deshalb eigentlich ganz langsam abstillen, merkte aber ziemlich schnell, dass ich das nicht packe, weil es sehr anstrengend ist. Ich denke, unsere Lösung (dass ich ein paar Tage wegfahre) für den letzten „Abstillruck“ war sehr in Ordnung für alle Beteiligten.

➡️ Vielen Dank für diesen wirklich sehr schönen und bedürfnisorientierten Abstillbericht. ❤️