Stillwissen: Der Milchspendereflex

Milchspendereflex

Der Milchspendereflex – haben alle schon mal irgendwie gehört, manche haben Probleme mit ihm, manche sogar mehr als man vielleicht denkt, andere überhaupt nicht. Aber was steckt noch dahinter, wofür ist er da, was macht er eigentlich und wie kann ich ihn ggf. sogar unterstützen?! 

Aber von vorne. 

Das Baby kommt mit einer Menge Reflexe zur Welt. Zwei davon sind der Such- und der Saugreflex. Diese beiden lassen das Kind nach der Geburt die Brust suchen und dann auch an dieser saugen. Bekommen Mutter und Kind in der Golden Hour ausreichend Ruhe, sucht das Kind ganz von allein die Brust und krabbelt zu ihr. Wir können den sogenannten Breast Crawl beobachten. Durch das Saugen wird dann der Milchspendereflex ausgelöst: 

Die Milch wird in den Milchbläschen der Brust (Alveolen) gebildet und fließt durch die Milchgänge nach draußen. Damit das überhaupt passieren kann, läuft eine spannende Kettenreaktion ab: Das Baby saugt, Oxytozin wird ausgeschüttet, die Milchbläschen werden zusammen gedrückt, die Milchgänge werden weit, die Milch fließt über die Milchgänge Richtung Brustwarze (Mamille). Ein unfassbar cooles Video dazu findest Du hier.

Was die wenigstens wissen: Pro Stillmahlzeit wird der Milchspendereflex mehrfach ausgelöst: 2-3 mal, Maximal bis zu 9 mal. Er kann wenige Sekunden dauern bis zu 3,5 Minuten. 

Die meisten Stillenden, vor allem am Anfang der Stillzeit, erleben dies als ein Ziehen, Kribbeln, Brizzeln in der Brust, an der getrunken wird, manchmal auch an der pausierenden Brust. Der erste Milchspendereflex wird meist gut wahrgenommen, die darauf folgenden eher weniger bis gar nicht. 

Was den Milchspendereflex auslöst 

Der Milchspendereflex wird durch das Saugen ausgelöst, aber auch durch Pumpen, Hand Entleerung oder allein durch die Gedanken an das Baby (Kennen wir nicht alle den Spruch „Da schießt mir die Milch ein!“?! – das ist damit gemeint). Dies kannst Du Dir z.B. auch zu Nutze machen, wenn Du abpumpst. Denke an Dein Baby, schaue es direkt an oder nehme ein Foto. Die Bilder und Gedanken helfen Deinem Körper das nötige Oxytocin auszuschütten.

Milchspenderefley

Nicht immer läuft es aber so easy mit dem Milchspendereflex. Er ist schon auch gerne mal eine Diva, lässt sich bitten oder ist überambitioniert unterwegs.

Problemfall: Hyperaktiver Milchspendereflex 

Hyperlaktation oder Hypergalaktie wird die Überproduktion in der Fachsprache genannt und geht meist mit einem Hyperaktiven Milchspendereflex einher. Stillende haben dann wirklich das Problem, dass die Milch nur so spritzt, das Baby kaum noch was tun muss. 

Es kann sowohl bei der Stillenden als auch beim Baby zu Schwierigkeiten kommen. Typische Symptome sind z.B.:

Beim Baby: 

  • Unruhe, zappelig, häufiges An-Abdocken 
  • Ablehnung, anschreien der Brust
  • Beißen, kneifen beim Stillen, weil es ihnen zu viel ist 
  • übermäßiges Schmatzen oder Schnalzen
  • die Milch läuft ihnen quasi aus dem Mund heraus  
  • viel Luft, viel Pups, viel Aufstoßen müssen
  • Grünlicher, schaumiger Stuhl 
  • Spucken mehr als üblich 
  • Verschlucken, husten, „prusten“
  • Nehmen erst  normal oder gar viel zu, später nimmt die Zunahme, stagniert

Bei der Stillenden: 

  • Häufige Milchstaus, auch bis zur Entzündung (Mastitis)
  • Schmerzen beim Stillen
  • Andauerndes Auslaufen der Brüste 
  • Unruhige Nächte, weil Brüste schmerzen, „voll“ sind, auslaufen 
  • Das Baby beißt oder zieht an der Brust, wodurch die Mamillen wund werden

Und wer nun an kleine wohlgenährte „Buddha-Babies“ denkt, auch das Gegenteil kann der Fall sein: Wenn das Baby die übervolle Brust nicht gut fassen & leeren kann, der Milchspendereflex evtl. so stark ist, dass es sich dauernd verschluckt, usw. kann es auch zu einer langsamen/ gestörten Gewichtszunahme kommen. 

Auch doof: Oft wird das Weinen und unruhige Verhalten an der Brust falsch gedeutet als zu wenig Milch. Die Milchproduktion wird dann zusätzlich angeregt und ein Teufelskreis beginnt. 

Verständlich, dass viele Stillende in dieser Situation abstillen. Es ist sowohl körperlich als auch mental eine belastende Situation, die unbedingt professionelle Hilfe benötigt. 

Was Du tun kannst: 

  • Hilfe organisieren
  • Nur eine Brust pro Mahlzeit anbieten
  • Laid back, also zurück gelehnt oder auf der Seite liegend stillen 
  • Den ersten „Druck“ durch Handentleerung nehmen 
  • Blockstillen (lass Dir das von einer Stillberaterin erklären und Dich dabei begleiten!)

Problemfall: Langsamer Milchspendereflex 

Dann kann es genauso gut umgekehrt sein und der Milchspendereflex lässt auf sich warten. Manche Babies finden das eher uncool und wollen nun bitte JETZT ihre Milch haben. 

Was zusätzlich den Milchspendereflex unterstützen kann:

  • Zusammensein von Mutter und Kind
  • Haut auf Haut Kontakt 
  • Tragen 
  • Ruhe und Entspannung
  • Unterstützende Umgebung, z.B. durch den Partner
  • Warme Umschläge vor dem Stillen
  • warm duschen vor dem Stillen 
  • Brustkompression 
  • Oxytocin Massage

Problemfall: Dysphorischer Milchspendereflex (D-MER)

Neben dem Kribbeln oder Ziehen beim Einsetzen des Milchspendereflexes nehmen die Stillenden hier auch noch negative Gefühle wahr: Angst, Trauer, Unruhe, innere Leere, … Das Stillen wird als absolut nicht schön, eher belastend empfunden. 

Diese hormonelle Besonderheit ist keine Psychische Erkrankung. Die Symptome verschwinden sofort wieder, wenn der Milchspendereflex „fertig“ ist. 

Leider gibt es keine standardisierte Behandlungsmethode. In der Beratung ist es immens wichtig das gesamte System, die Familie, das Netz drumherum im Blick zu haben. Aufklärung und Wissen ist schon mal ein erster Schritt. Denn natürlich ist eine solche Situation sehr belastend. 

Bisher gibt es wenige Studien zum D-MER und somit auch wenige Ansätze. Es konnten zwar einige Zusammenhänge ausgeschlossen werden, wie Alter der Mutter, (traumatische) Geburtserfahrungen, Geburtsmodus, u.a., aber wir können noch nicht in der Anamnese der Schwangeren sagen, dass er auftreten wird. 

Was Du tun kannst, wenn Du einen D-MER bei Dir vermutest: 

  • Hilfe und Beratung organisieren 
  • Austausch mit anderen Betroffenen suchen 
  • Ablenkung 
  • Konzentration auf einen Duft, eine Affirmation oder Musik
  • Für medikamentöse Begleitung frag Deine Ärztin/ Deinen Arzt 
  • Viel Hautkontakt mit Deinem Baby 

Egal welche Symptome Du wahrnimmst, wenn Du das Gefühl hast, mit Deinem Milchspendereflex sei etwas nicht in Ordnung – suche Hilfe und Unterstützung. Ich berate Dich gern. Gemeinsam können wir die Ursachen ergründen und geeignete Maßnahmen finden.