Stillgeschichte Simone: “Na mit der Brust können Sie auch nicht stillen.”

Stillgeschichten

Simone erzählt ihre unfassbare Geschichte: Von Stillhütchen zum Zufüttern, von Vasospasmus und zu viel Milch, von besonderen Brustwarzen, und noch so einigen Hindernissen mehr. Ich finde es beeindruckend wie sie nie aufgegeben und schließlich ihren Weg gefunden hat. ❤️

Während Simone ihre Geschichte erzählt, kommentiere ich an passenden Stellen Fachbegriffe oder was passiert ist, was man noch hätte tun können oder einfach meine fachlichen Gedanken dazu. Ich wünsche mir, dass jede Geschichte hier eine Mehrwert für Dich hat. Vielleicht findest Du Dich wieder, lernst etwas Neues oder bekommst Impulse für Deine Arbeit mit Stillenden.

Simone berichtet:

„Na mit DER Brust können Sie nicht stillen!“ – So wurde ich, wie so viele Frauen vor mir, wenige Stunden nach der Geburt unserer ersten Tochter auf der Wöchnerinnenstation empfangen. „Wie jetzt?!“, dachte ich. In meinem Buch stand doch, dass man mit allen Brustwarzenformen stillen kann. Sofort ging mein Gedankenkarrussel los, denn ganz offensichtlich würde ich nicht stillen können! 

Brustwarzenform

➡️ Es gibt unfassbar viele Brust- und Brustwarzenformen. Ungefähr so viele wie es Brüste gibt. Wir unterscheiden aber grob in vier Typen: Hervorstehende Brustwarzen, Flachwarzen, Schlupfwarzen und Hohlwarzen. 

Hervorstehende Brustwarzen sind fest und „stehen“ von selbst.
Flachwarzen stellen sich bei Erregung oder auch Kälte auf. 
Schlupfwarzen unterscheiden sich noch mal. Die einen stellen sich bei Erregung auf, die anderen „schlüpfen“ dabei nach innen. 
Hohlwarzen sind eigentlich auch Schlupfwarzen, die aber dauerhaft nach innen gezogen sind. 

Es ist nicht unmöglich mit Schlupf- oder Hohlwarzen zu stillen, bedarf aber vielleicht eher der Begleitung und fachkundigen Beratung. 

So ein Satz geht natürlich gar nicht!! Worte schaffen Wahrheit. Und gerade in der sensiblen Phase des Wochenbettes ist es ein Unding so etwas zu sagen. Erstens stimmt es ja nicht, zweitens ist es super verletzend, übergriffig, unangebracht und unprofessionell  UND es bleibt hängen. ⬅️

Alleine im Krankenhaus, da Corona seit ca. 6 Wochen unter uns weilte, wusste ich mir nicht zu helfen und so startete unser Weg des Stillens mit Überforderung, unbeantworteten Fragen, Selbstvorwürfen und Leistungsdruck. 

Kurz nach der Aussage der Dame in mintgrün wurde mir ein riesiges Stillhütchen verabreicht (Wie bitte soll DAS in den kleinen Mund passen??) und weitere 5 Minuten später wurde Pré Milch „als Anregung“ darauf geträufelt, schließlich müsse meine Tochter „endlich etwas trinken“! Dabei hieß es doch in meinem Buch, dass Babys mit einer Fastenzeit beginnen…? 

Stillhütchen

➡️ Leider werden Brusthütchen ziemlich schnell angeboten oder sogar aufgedrängt, weil „ohne geht es ja nicht“. Anstatt mit einer 1:1 Begleitung individuell zu schauen, was braucht das gerade frisch gebackene Still-Team. 

Brusthütchen sind prima, wenn sie wirklich gebraucht werden. Zum Beispiel bei einem übersprudelnden Milchspendereflex, bei Frühgebroenen oder kranken Kindern, die noch keinen ausreichenden Unterdruck aufbauen können. 

Bei wunden Brustwarzen sind sie eher kontraproduktiv. Die Ursache muss gefunden und beseitigt werden. Durch die Hütchen können die Verletzungen noch schlimmer werden, die Keimbelastung ist erhöht und und und. 

Das Anlegen ist auch meist schwieriger, weil wie Simone schreibt, wie soll das Riesen Ding in den kleinen Mund (Spoiler: Es gibt verschiedene Größen!). 

Auch kann ein Brusthütchen die Milchproduktion hemmen. So geht die Milchmenge zurück und das Kind nimmt weniger zu, es muss zugefüttert werden und eine Spirale beginnt. 

Es ist ein Hilfsmittel und sollte nur bei einer eindeutigen (medizinischen) Indikation genutzt werden. Hilfsmittel sollten nur unter fachkundiger Anleitung eingesetzt, inkl. Beratung wie sie wieder „abgesetzt“ werden. Denn das fehlt meistens. 

Manche Babies trinken direkt nach der Geburt. Einige brauchen aber auch ein wenig mehr Zeit, um in der Welt anzukommen. Wir sprechen von der Golden Hour. ⬅️

Ich bekam noch eine DIN A4 Seite mit einer Anleitung zum Massieren und richtigen Anlegen in die Hand gedrückt und war wieder alleine. Die nächsten Stunden versuchte ich das Anlegen mit dem Stillhütchen, kam natürlich gar nicht damit zurecht und versuchte es wieder ohne. Zuhause würde ich sicher Antworten und Hilfestellung von meiner Hebamme bekommen, denn der Vorbereitungskurs fiel coronabedingt aus. 37 Stunden nach der Geburt waren wir endlich zuhause und konnten uns als Familie kennenlernen. Die Hebamme kam schnell nach unserer Ankunft: „Wieso hast du denn noch keinen Milcheinschuss? Du müsstest doch längst einen Milcheinschuss gehabt haben? Ihr müsst jetzt Pré geben“ (Ich möchte hier erwähnen, dass unsere Tochter seit ungefähr 38 Stunden auf der Welt war). Meinem Mann wurde aufgetragen eine Flasche Milch zu machen. Wir sollten 2ml Milch auf eine Spritze aufziehen und ihr diese langsam in den Mund spritzen, während wir den kleinen Finger ebenfalls in den Mund halten – Saugverwirrung und so… Das sollen wir jetzt bitte alle 2 Stunden wiederholen bis ich genug Milch hätte. Unsere Tochter trank gierig, saugte die Spritze regelrecht aus. 

Milcheinschuss, zufüttern & zu wenig Milch?

➡️ Der Milcheinschuss ist meist 3-4 Tage nach der Geburt spürbar (5-12 Tage nach der Geburt wäre auch noch alles ok). 38 Stunden sind also noch keine 2 Tage und es ist alles im Rahmen. Und nicht jede Frau hat einen spürbaren oder gar schmerzhaften Milcheinschuss. 

Manche Frauen beschreiben den initialen Milcheinschuss als schmerzhaft, die Brüste spannen, sind hart, rot, geschwollen, druckempfindlich, etc. Das muss aber nicht zutreffen. 

Dass die Milch da ist, obwohl die Brüste nicht steinhart wurden, kann man an folgenden Punkten erkennen: 

Zeichen für ausreichend Milch: 

🤍 8 oder mehr Stillmahlzeiten in 24 Stunden 
🤍 5-6 volle, nasse Pippi-Windeln 
🤍 Stuhlgang klappt prinzipiell auch 
🤍 Die Farbe wird heller, es wird mehr 
🤍 rosige Haut
🤍 Baby ist agil & wirkt fit 
🤍 Guter Muskeltonus, also Körperspannung 
🤍 Das Baby nimmt zu 

Daran erkennst Du selbst, dass es gut trinkt, die Milch also da ist: 

🤍 Du hörst es schlucken. 
🤍 Der Milchspendereflex setzt ein, wie ein Ziehen, Kribbeln.
🤍 Dein Baby ist gut angedockt.

Bist Du trotzdem unsicher, kannst Du immer Deine Hebamme oder eine Stillberaterin um Hilfe und Rücksprache bitten. 

Das Zufüttern geschah sehr stillfreundlich. Dennoch bleibt die Frage, war es in der Frequenz notwendig? Wir müssen immer bedenken: Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Trinkt das Kind weniger an der Brust und mehr Ersatznahrung, wird weniger Milch produziert. Das Zufüttern von so jungen Babies sollte immer gut begleitet werden. ⬅️

Immer mehr verfestigte sich der Eindruck, dass etwas mit mir nicht stimmte, ich irgendetwas falsch machen müsse. Währenddessen begann die Hebamme meine Brüste zu „massieren“, sie wollte damit den Milcheinschuss anregen. Ich hatte dabei sehr starke Schmerzen, denn mit Massage hatte das wirklich nichts zu tun. 

➡️ Puh. Das nenne ich übergriffig. Brustmassage ist eine tolle Sache. Ich zeige es gern, leite aber die Frauen immer an, es selbst zu tun. Dabei sollen sie eher einen Schmetterling massieren als einen Hefeteig kneten. Schmerzen sollte es auf keinen Fall auslösen. 

Um den Milchfluss anzuregen reicht oft auch schon Wärme aus. Das kann allein die Handwärme sein, ein Körnerkissen, ein warmer Waschlappen oder ähnliches. 

Die Brustmassage kann ein sanftes Streichen aus allen Richtung sein, man kann kreisende Bewegungen rund um die Brust machen oder die Brust auch ein wenig „shaken“. Mehr nicht. Und bitte nicht zu fest. Es sollte auf keinen Fall weh tun oder unangenehm sein. 

Mein Anliegen ist es IMMER der Stillenden zu vermitteln: Du bist toll! Du machst das ausgezeichnet! Und Du bist im Training. Ihr lernt Euch gerade erst kennen und stillen muss gelernt werden. Gebt Euch Zeit. Eine neue Sportart oder ein neues Hobby erlernt man auch nicht in 5 min direkt beim ersten Mal. 

Auch eine schöne Anwendung ist die Oxytocin Massage Sie hilft, das Glücks- und Kuschelhormon Oxytocin und damit die Milch fließen zu lassen. ⬅️

Ich solle weiter so oft wie möglich anlegen und bitte die Stillhütchen aus dem Krankenhaus benutzen. Die nächsten Tage war ich bezogen auf das Stillen einfach nur überfordert. Wie bitte passt denn die Brust in diesen kleinen Mund? Wie halte ich den Kopf, meine Brust und das Stillhütchen fest, gleichzeitig? Ich hatte eindeutig zu wenig Hände! Und natürlich bekam ich schnell Schmerzen beim Stillen, wunde Brustwarzen und auch der erste Milchstau kündigte sich an. 

Milchstau

➡️ Was hier meiner Meinung nach gefehlt hat: Eine Begleitung des Stillmanagements und ein Bestärken in den eigenen Fähigkeiten. ❤️ 

Ein Milchstau kann viele Ursachen haben. Hier klingt es nach zweierlei: eine unzureichende Entleerung, wahrscheinlich durch die Hütchen, und einfach Stress, Druck, Angst, Sorgen. ⬅️

An Tag 10 clusterte unser Baby 24h am Stück und ich war wirklich überfordert damit, mich nicht mehr frei bewegen zu können. Damit hatte ich nicht gerechnet. Da die Corona Pandemie noch in den Anfängen war, gab es keine Stillberatung für mich, wodurch ich im Netz nach Informationen suchte was das Zeug hielt. Irgendwann erzählte mir eine Freundin, dass Ramona doch Stillberaterin sei, ich sie sicher kontaktieren könne. Das machte ich und Ramona versorgte mich mit vielen Informationen und vor allem Zuversicht. 

Ich traute mich die Stillhütchen wegzulassen, versuchte es immer wieder. Aber da es nicht so recht klappen wollte, kaufte ich mir ein Gerät, womit ich meine Brustwarzen vor dem Stillen „aufrichten“ konnte und nach 4 Wochen klappte es endlich besser. 

➡️ Es gibt verschiedene Geräte, mit denen man die Brustwarze hervorlocken kann. Ich rate immer dazu erst einmal die Stimulation mit der Hand zu versuchen. Aber mit einem Hilfsmittel gelingt es oft relativ leicht. Man kann einfach nach „Brustwarzenformer“ suchen. ⬅️

Die offenen Stellen blieben, meine Hebamme laserte sie, ich nutzte Silberhütchen, ich baute mir einen Thron aus Stillkissen und Handtüchern… Dennoch blieb es kompliziert, ich war weiterhin überfordert mit dem Anlegen und hielt die Schmerzen kaum noch aus. Nach viel Recherche vermutete ich einen Vasospasmus und einen starken Milchspendereflex, denn die Milch sprudelte nur so aus mir heraus wodurch unsere Tochter gar nicht stillen konnte. 

Zu viel Milch & Vasospasmus

➡️ Hyperlaktation oder Hypergalaktie wird die Überproduktion in der Fachsprache genannt. Es kann sowohl bei der Stillenden als auch beim Baby zu Schwierigkeiten kommen. Laut ABM (Academy of Breastfeeding Medicine) Protokoll werden drei Ursachen unterschieden: 

Selbst verursacht: Die Stillende hat häufig zusätzlich abgepumpt, die Brust wurde somit doppelt stimuliert. Manchmal ist es eher die Befürchtung zu wenig Milch zu haben und dann wird zu sehr angeregt. Ein Überangebot entsteht. 

Durch Fachkräfte verursacht: Wenn medizinisches Fachpersonal dazu rät abzupumpen, um die Milchmenge zu steigern. In manchen Situationen ist das sinnvoll, z.B. bei Frühgeborenen, wenn Mutter und Kind getrennt sind, das Kind noch nicht selbstständig trinken kann. Hierbei wird mehr produziert, als abgefragt werden kann. Ist die Trennung vorbei, kann das Baby nun selbst trinken, sollte das Stillmanagement überprüft und begleitet werden bis sich die Milchmenge eingependelt hat. 

Unbekannte Ursache: Manchmal ist es keins von beidem und wir werden nie erfahren, was es ist. Wenn auch die Einnahme von Medikamenten, die die Milch steigern, ausgeschlossen ist, kann durch u.a. Blockstillen geholfen werden. 

Mehr dazu findest Du im Artikel Stillwissen: zu viel Milch – Ursachen, Symptome & Hilfe 

Vasospasmus ist quasi ein Gefäßkrampf der Brustwarze. Dabei wird die Brustwarze weiß, es kann an einer oder beiden Seiten auftreten. Und meistens erst Monate nach der Geburt. Für die meisten Stillenden ist es sehr schmerzhaft. Die Schmerzen gehen dabei bis tief in die Brust und sind quälend spitz. 

Ein Risikofaktor und Zusammenhang kann auch zu viel Milch sein. Das Kind versucht dabei vielleicht mit dem Zusammenkneifen des Kiefers den starken Milchfluss zu stoppen, löst den Krampf aus oder verschlimmert ihn. 

Als erste Hilfe sollte die Brust immer warm gehalten werden. Das Stillmanagement inkl. Anlegen sollte überprüft und bei bedarf angepasst werden. Magnesium, Calcium, Vitamin B6 können helfen, solltest Du aber immer mit Deiner Ärztin besprechen. Frauenarzt Dr. Wagner hat ein mega Aufklärungsvideo dazu. ⬅️

Aber ich wollte Stillen! Ich suchte mir also noch mal eine Stillberatung die trotz Corona bereit war uns zu empfangen. Ich habe mich damals nicht getraut Ramona noch mal zu fragen ob sie mal vorbei kommen würde oder ich hätte kommen können. Ich wollte niemanden belasten oder womöglich anstecken. Dieses Corona hat mich damals so verunsichert.

Die andere Beraterin war zertifiziert (!), dafür mussten wir weit fahren. Tja was soll ich sagen? Kurz gesagt weinte ich über eine Stunde auf dem Nachhauseweg, denn erneut schien ich alles falsch zu machen was man nur falsch machen kann. Und zudem würde unsere Tochter später Lispeln und eine Neurodermitis entwickeln (Funfact: Ist beides nicht eingetreten). 

➡️ Grenzen der Stillberatung: Ich weiß nicht, bei welcher Kollegin Simone war. Aber ich darf noch mache ich medizinische Diagnosen. Das überlasse ich den Fachkräften. Habe ich einen Verdacht oder sehe Hinweise, wie z.B. auf ein zu kurzes Zungenband, Blockaden oder ähnliches, verweise ich sofort an die entsprechenden Stellen weiter. Und eine Kristallkugel habe ich auch nicht. ⬅️

Die aufbauenden Worte meines Mannes und einer guten Freundin halfen mir dann jedoch diese negative Erfahrung zu vergessen. Ich fand wieder Mut, las vom Blockstillen, probierte es aus und siehe da! Endlich, nach ungefähr sechs Monaten lief es endlich rund. Unsere Tochter und ich groovten uns ein und ich empfand endlich Freude und Selbstbewusstsein beim Stillen! Nun war es mir möglich sie ohne Thron und Schmerzen zu stillen und bat meinen Mann unterwegs Fotos von Stillsituationen zu machen, so stolz war ich. 

➡️ Blockstillen bedeutet, dass eine Brust über einen längeren Zeitraum pausiert. So wird ihr signalisiert: Mache bitte weniger Milch, es wird gerade nichts gebraucht. Ich empfehle die Pausen langsam zu steigern und wirklich individuell anzupassen. ⬅️

Nun ist unsere Tochter fast drei Jahre alt. Stillen ist für uns in den letzten Jahren vieles gewesen. Nach dem schwierigen Start war es Verbindung, Regulation, Einschlafhilfe, Aufwachhilfe, physiologisches Bedürfnis, eine Pause (endlich auch für mich 😉 ) und so vieles mehr. Das Abstillen steht für mich an, für meine Tochter weniger… Sie gehört zu den Kindern die gerne viel stillen. Wir werden den Prozess gemeinsam gestalten und am Ende eine Abstillparty feiern, da sind wir uns sicher! 

Wenn ich rückblickend meinem Schwangeren Ich etwas sagen könnte, dann „Mach bitte eine Stillberatung, habe Mut für Alternativen und vertrau dir und deinem Baby!“

➡️ Liebe Simone, vielen Dank für das Teilen Deines unglaublichen Weges! ❤️